Ich starte hier eine neue kleine Serie innerhalb von the Glittering Blackness. Sie soll „The Glittering Blackness Society“ heißen und so was wie ein Archiv bzw. eine Dokumentation meines eigenen Umfeldes und dem Thema Musik sein. Geplant sind hier Interviews mit Menschen aus meinem Leben, für die Musik eine Rolle spielt. Ich beginne diese Reihe heute mit Johannes:
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Johannes kenne ich schon relativ lange, genauer gesagt, sind wir uns 1999 in Berlin über den Weg gelaufen. Da hat er aber noch in einer Kleinstadt namens Elz in der Nähe von Frankfurt gelebt und vom Keller seiner Eltern aus sein damaliges Platten-Label Fiction.Friction organisiert. Und das sah so aus:

Durch Johannes habe ich so tolle Bands wie z.B. Giardini di Miro kennengelernt, die schon damals auf seinem Label waren und heute in meinem Leben nicht mehr wegzudenken sind. Natürlich auch Motorrambo! Aber das ist noch eine andere Geschichte, die bald erzählt werden soll. Später wurde dann aus dem Label Fiction.Friction das Label 2nd rec, welches Johannes zusammen mit Christophe, einigen auch als Nitrada bekannt, leitet. Aus Elz wurde Berlin, aus Berlin wurde Hamburg und Johannes mein Mitbewohner. Inzwischen ist er das jedoch nicht mehr, da ich seit einer Weile in Berlin lebe und Johannes noch in Hamburg verweilt.
Leute, die Johannes nur flüchtig kennen, würden ihn wohl als stilles Wasser bezeichnen. Dem kann ich so aber nicht zustimmen, denn 1. müsste Johannes dann auf der Bühne –auf der er manchmal zusammen mit Nitrada steht und seine Fender Gitarre zum Klingen bringt– den Shoegazer-Typen verkörpern. Da kann ich aber nur das Gegenteil behaupten. Und 2. habe ich ihn schon mal so richtig abraven sehen, nämlich als Apparat auf der Fork Sommerparty den Keller gerockt hat. Und das alles ohne Einfluss irgendwelcher toxischen Substanzen, denn diese lehnt Johannes schon seit seiner frühsten Jugend ab.
Silke: Hallo Johannes!
Johannes: Hallo Silke.
Silke: Vielen Dank, dass du als erstes Versuchskaninchen hinhältst! … Ein bisschen komisch ist es ja schon, weil ich ja schon sehr viel von dir weiß, was Musik angeht. Aber ich frage trotzdem mal auch Fragen, deren Antwort ich schon weiß. Es geht ja auch eher darum, dass die Leute da draußen, die eventuell meinen Blog lesen, etwas erfahren.
Welche Bands haben dich bisher in deinem Leben am meisten geprägt (hahaha, ich weiß die Antwort eh..)? Und warum und wie tun sie das bzw. haben sie das getan?
Johannes: Fugazi bzw. das Dischord Label waren und sind immer noch ganz klar Vorbilder und Inspiration. Die Konsequenz mit der dort eine Idee verfolgt wird, fand ich immer sehr beeindruckend. Und weil Fugazi für mich immer mehr waren als nur eine Band, die Musik macht, die mir gefällt, würde ich sagen, dass sie die vielleicht prägendste Band waren.
Silke: Waren Fugazi auch der Grund, weswegen du dich entschlossen hast, dein eigenes Label zu gründen? Oder besser, waren sie eine Inspiration?
Johannes: Inspiration auf alle Fälle. Aber nicht nur Fugazi/Dischord… auch Labels wie Touch & Go, Kill Rock Stars usw. Wobei viele kleinere Labels vielleicht noch viel eher Inspiration waren. Also Labels, die auch aus dem Schlafzimmer heraus veröffentlicht haben. Touch & Go und Dischord waren zu der Zeit als ich angefangen habe ja schon ewig im Geschäft.
Silke: Erzähl mal etwas mehr über die Anfänge von Fiction.Friction bzw. ja dann später 2nd rec. Damals hast du ja noch in Elz gewohnt und vom Keller deiner Eltern aus agiert. War das eher sowas wie ein Hobby, das man als gelangweilter Jungspund in einem Kaff so hat? Oder hattest du damals auch schon darüber nachgedacht, das irgendwann mal professionell zu betreiben?
Johannes: Freunde von mir hatten eine Hardcore Band, Bubonic Plague hießen die anfangs, später dann umbenannt in Bubonix (die gibt’s heute immer noch). Ich bin dann irgendwann immer auf deren Konzerte mitgefahren und hab ihre Demo-Tapes und T-Shirts verkauft. Als sie dann ein neues Demo-Tape aufnehmen wollten, habe ich dann gesagt, dass wir doch auch gleich eine “richtige” CD machen könnten. Das war der Anfang von Fiction.Friction.
Dann gab es noch Morph, eine andere befreundete Band aus dem Limburger Raum, die ich großartig fand und auf einer CD vom Visions Magazin hörte ich damals einen Demo-Song von einer Band namens Mental Tearing After 9, der mich ziemlich beeindruckt hatte. Denen habe ich dann eine Email geschickt und gefragt, ob sie nicht etwas veröffentlichen wollen. In dem Moment bin ich dann auch so das erste mal als “Label” aufgetreten, indem ich Fremde angesprochen habe. Vorher lief das ja nur im Bekanntenkreis ab.
Silke: Und wie hast du Giardini Di Miro kennengelernt? Damals waren die in Deutschland ja wirklich mehr als unbekannt!
Johannes: Bevor ich Giardini Di Miro kennengelernt habe, musste ich erstmal Motorambo, die vierte Band auf Fiction.Friction, kennenlernen. Thorsten, der Sänger von Bubonix, kannte Motorambo und hat mir deren Demo vorgespielt. Und als sie dann einen Auftritt in Mühlacker [Süddeutschland] hatten, hab ich mich in Thorstens Golf gesetzt und wir sind über zwei Stunden Richtung Süden gefahren.
Motorambo wiederum haben mal mit Giardini Di Miro im Rahmen eines Städte-Kultur-Austausches zusammen gespielt. Christophe von Motorambo hat mir dann mal das Demo von Giardini Di Miro gegeben, als ich ihn in Heidelberg besucht habe.
Silke: Und jetzt sind sie Indiehelden! (Meine zumindest..) [lacht] Und was hörst du gerade so?
Johannes: Ich muss unbedingt meine iTunes Bibliothek wieder etwas auffrischen. Im Büro höre ich nur Mp3s und irgendwie hab ich das alles schon zu oft gehört in den letzten Wochen und Monaten. Was da läuft kann man ja bei Last.fm sehen. Auf meinem Plattenspieler liegt derzeit ziemlich oft das letzte Monochrome Album, die neue Shellac und die Daydream Nation Reissue [von Sonic Youth]. Ich ziehe aber auch immer wieder blind irgendwelche Platten aus dem Regal. Die letzte, die ich gehört habe war “Millions Now Living…” von Tortoise. Und ich höre natürlich immer viele Demos und neue Stücke von den Bands auf 2nd rec.
Silke: Erzähl mal was über deinen neuen schönen Plattenspieler! Du bist einer der sehr wenigen Menschen, die ich kenne, die sich in diesen Zeiten noch einen neuen Plattenspieler zugelegt haben. Ich selber muss auch zugeben, dass ich zwar viele Platten besitze, aber kaum, eigentlich gar keine mehr kaufe. Und mein MK2 steht auch nur noch als Deko im Wohnzimmer rum…
Johannes: Ich hatte jahrelang nur einen alten Technics Plattenspieler, den mir mein Vater überlassen hat, der ihn wiederum damals bei Rhein-Radio, dem letzten Plattenladen in Limburg, gekauft hatte, als dieser die Türen schloss und seine Vorhör-Geräte verscherbelte. Das Teil hatte schon so viele Umdrehungen auf dem Buckel, dass es höchste Zeit für was Neues war. Ich bin dann in einen kleinen High-End Hifi-Laden gegangen und habe mir dort auf einer Couch sitzend ein paar Plattenspieler angehört. Ich hätte nicht geglaubt, dass man so viele Unterschiede raushören kann, nur indem man einen anderen Plattenteller verwendet. Also alleine schon die Auflage der Platte beeinflusst den Klang schon hörbar. Ich hab mich dann am Ende für einen Pro-Ject Xpression II Comfort entschieden. Der klingt sehr gut, dafür dass er nicht so wahnsinnig teuer ist. Und er sieht auch noch ganz gut aus, finde ich.
Silke: Ja, sehr schön grün!
Johannes: Ne! Anthrazit!
Silke: Hä? War ich stoned, als ich ihn mir angeschaut habe? [lacht]
Johannes: http://www.audiophile-vinyl.de/images/Project_XpressionCv.jpg
Silke: Ah, okay, die Nadel ist grün. Das wars.. [lacht] Also teilweise grün.
Johannes: Ne, ich hab ein anderes System drauf. [lacht] Nicht das Standard-Teil, sondern eins von Ortofon.
Silke: Wie komm ich denn jetzt auf grün???
Johannes: Ich weiss nicht. [lacht]
Silke: Ich auch nicht.. na, egal.. Würdest du sagen, dass sich deine Hörgewohnheiten in den letzten Jahren verändert haben? Du hörst ja immer noch viele Platten, aber ich denke mehr in Richtung Digital-Format. Ich selber muss feststellen, dass ich heute im Vergleich zu vor 10 Jahren zwar mehr Musik höre, da die Musik überall, bei der Arbeit, unterwegs, zuhause etc. dabei ist. Aber wenn ich darüber nachdenke, hat ein einzelnes Album zum Beispiel früher viel mehr bedeutet.
Johannes: Ich mag es überhaupt nicht, unterwegs Musik zu hören. Ich könnte nie mit einem iPod in der U-Bahn sitzen. Ich habe früher nie einen Walk- oder Discman gehabt. Ich muss nicht ständig Musik um mich herum haben. Ich will das gar nicht. Zwar läuft oft Musik, wenn ich am Rechner sitze und arbeite, aber richtiges “Musik hören” passiert dann in meinem Zimmer vor dem Plattenspieler. Ich suche eine Platte aus, lege die auf und höre dann zu, ohne etwas anderes zu machen. Höchsten im Booklet blättern oder das Cover anschauen ist da noch erlaubt. [lacht] Aber sowas passiert in der Woche vielleicht 4-5 Mal.
Silke: Interessant. Ich gehe so gut wie nie ohne iPod aus dem Haus. Ich brauche das, gerade wenn ich in der Tram oder der U-Bahn sitze. Gegen die Langeweile. Und ich fühle mich dann manchmal wie in einem Film, zu dem ich den passenden Soundtrack aussuche, wenn ich mich durch die Stadt bewege. Das mag ich eigentlich sehr gern. Auf der anderen Seite fühlt man sich auch wie in einer Blase, besonders wenn man die In-Ear Kopfhörer benutzt. Irgendwie isoliert von der Außenwelt. Manchmal ist mir das auch sehr recht.
Johannes: Ich kann diese Stöpsel-Kopfhörer nicht vertragen, aber was mich noch mehr stört ist das, was den meisten – wie auch dir – daran gefällt: ich mag diese Blase nicht. Ich fühle mich nicht wohl, über eine Strasse zu gehen und nichts von der Strasse zu hören.
Silke: Ja, manchmal ist es auch direkt gefährlich! Welches war eigentlich deine allererste Lieblingsband?
Johannes: Oh… keine Ahnung. Vielleicht Genesis? [lacht] Das war zumindest mein erstes Konzert. “We Can’t Dance”-Tour, Hockenheim-Ring. Da war ich 13 oder so. Ein paar Wochen später war ich mit meinem Vater, Schwester und Cousine dann im Frankfurter Waldstadion bei den Dire Straits.
Silke: Das hat mein Vater auch immer gehört. Die Dire Straits laufen immer noch im Auto, wenn ich mit ihm unterwegs bin. “Money for nothing and chicks for free…” Ich habs immer noch in den Ohren!
Johannes: Das Stück war zu der Zeit auch eines meiner Lieblingsstücke. Aber dann kam Grunge.
Silke: Kannst du behaupten, dass deine Eltern dich auch irgendwie etwas beeinflusst haben in deinem Geschmack? Du hast ja keine großen Geschwister oder sowas. Ich hatte das ja auch nicht. Aber ich habe deshalb auch erst sehr spät angefangen, meinen eigenen Musikgeschmack zu entwickeln. Ungefähr mit 15. Aber da kamen dann auch gleich die Pixies. Obwohl ich mit 7 oder 8 Rondo Veniziano ganz toll fand, glaube ich! [lacht]
Johannes: Ich habe in der Grundschule viel klassische Musik gehört. Ich hatte auch mal ne Zeit, wo ich immer die Hitparade im hessischen Rundfunk mitgeschnitten habe. Aber einen wirklich “eigenen” Musikgeschmack hab ich wohl auch erst so mit 14 entwickelt. Grunge war damals groß und ich liebte Nirvana, Soundgarden, Pearl Jam und Alice In Chains. Ich hatte aber viele Freunde, die zwei Jahre älter waren als ich, die viel Hardcore gehört haben. Mit denen bin ich dann immer auf Konzerte und daher hab ich viel Hardcore gehört als ich so 16-18 Jahre alt war.
Silke: Die Phase hatte ich allerdings auch, Hitparaden-Musik aus dem Radio auf Kassette mitschneiden. Aber ich hatte damals auch das Glück, auf NDR4 eine Radiosendung entdeckt zu haben, “Offbeat” mit Paul Baskerwill. Dort kam nur Indiemusik. Das war dann mein Eldorado. Und das war tatsächlich dann, als ich 14/15 Jahre alt war. Dort habe ich dann Bands wie Dinosaur Jr., Pixies, Sonic Youth, natürlich Nivana, später dann Pavement und Bedhead usw. für mich entdeckt. In meiner Schule gab es nur sehr wenig Leute, die konnte ich an 2 Fingern abzählen, die ähnliche Musik gehört haben. Da hatte ich zum Beispiel keine Peer-Group. Heute ist das ja alles sehr einfach, den Zugang zu bekommen über das Netz. 1990 war das echt schwer, an die entprechenden Platten ranzukommen [Besonders, wenn man auf dem Dorf aufwuchs!]. Wie hast du das gemacht?
Johannes: Ich hatte eine solche Peer-Group glücklicherweise. In dem Jahrgang zwei Klassen über mir waren relativ viele Leute, die “Alternative” Musik gehört haben. 3 der oben vorher erwähnten Bubonix waren in diesem Jahrgang an meiner Schule. Zusätzlich noch ein paar andere Leute, die ähnliche Musik gehört haben. Es gab dann auch noch zwei in meinem Bekanntenkreis, die Industrial gehört und auch gemacht haben. Hiphopper gab es damals irgendwie noch gar nicht und auch Raver waren ziemlich in der Unterzahl. Meine Schule war zu der Zeit – was die Subkulturen betrifft – sehr stark von Punk, Hardcore und Alternative geprägt.
An die Platten ranzukommen war allerdings nicht so einfach. Plattenläden gab es kaum und die wenigen haben dicht gemacht, als ich anfing mich dafür zu interessieren. Ich hab aber ne zeitlang jeden Monat für 300-400 Mark bei verschiedenen Mailordern bestellt.
Silke: Ja, ich habe auch echt viel Geld für Platten ausgegeben. Ich habe dafür richtig gearbeitet. Nachhilfe gegeben, Zeitungen ausgetragen (jeden Tag bei Wind und Wetter außer sonntags!!!). Dann musste man 2 Stunden nach Hamburg gurken mit Bus und Bahn bis zum Plattenladen und dann gabs die Sachen teilweise nicht mal dort zu kaufen. Für solche Fälle hatte ich aber auch einen Mailorder. Und heute drückt man einfach auf den Download-Button! Noch eine abschließende Frage: Findest du Frauen sexy (also damit meine ich jetzt nicht nur unbedingt physisch), die keinen guten Musikgeschmack haben? [lacht]
Johannes: Nunja, ich will mir nicht anmaßen zu definieren, was “guter” Musikgeschmack ist. Das, was man als “schlechten Geschmack” verpöhnt, ist ja oft einfach ein Desinteresse an der Sache. Oder manchmal auch ein Zeichen einer wenig ausgeprägten Persönlichkeit.
Mir fällt jetzt in meinem Bekanntenkreis niemand ein, der einfach immer nur das hört, was gerade im Radio läuft und aktuell in den Charts steht. Ich habe aber sehr wohl Freunde, die Musik hören, die ich selbst nicht so gut finde. Viel wichtiger, ob der Geschmack Kongruenz aufweist oder nicht, ist eher, dass eine Person überhaupt einen mehr oder weniger ausgeprägten Geschmack hat.
Aber du fragst ja nach Frauen. [lacht] Ich finde Intelligenz und Stil bei Frauen sehr wichtig und auch anziehend. Und ein Teil davon zeigt sich wohl auch im Musikgeschmack.
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Johannes Top Alben:
John Coltrane “A Love Supreme”
Microstoria “snd”
Sonic Youth “Daydream Nation”
Fugazi “The Argument”
Unwound “The Future Of What”
Mouse On Mars “Niun Niggung”
Blonde Redhead “Fake Can Be Just As Good”
Squarepusher “Big Loada”
The National “Alligator”
Photek “The Hidden Camera”
Montag, Oktober 8, 2007 um 11:19
Ich möchte betonen, dass das Bild keineswegs meinen derzeitigen Wohnverhältnissen entspricht. Das war 10 Jahre her…
Montag, Oktober 8, 2007 um 1:56
das kann ich bezeugen. johannes ist ein sehr ordentlicher mensch!
Mittwoch, Oktober 24, 2007 um 2:38
[...] auch auch diese Seiten füllt, schreibt neuerdings auch ein eigenes Weblog, für das ich auch schon Rede und Antwort stehen musste durfte. Write a comment [...]
Freitag, Februar 1, 2008 um 1:07
[...] 7 years now. In the beginning i only knew his band, Giardini di Miro. But because Johannes (read the first GB Society interview) is my friend, who runs the 2nd rec label, i was lucky enough to get to know Jukka and the rest of [...]